Kristoffer Stefan
Wir navigieren – als Individuum, als Kollektiv, als Ökosystem.
Wir sammeln Eindrücke, machen Erfahrungen, erschließen Perspektiven, entwickeln Herangehensweisen, machen Bekanntschaften und erkunden unterschiedliche Bereiche. Wir begründen und ändern unsere Ansichten. Wir lernen, wir forschen, wir agieren. Eingebettet in ein netzwerkartiges Gefüge setzen wir Dynamiken in Gang, deren beständige Wirksamkeit wir nur ansatzweise erfassen. Neue Erfahrungen wirken auf bestehende Linien ein, in Erinnerung gerufenes wird aktualisiert, etablierte Gewissheiten werden obsolet. Soeben noch kaum beachtetes wird als zentraler Faktor erkannt – um noch im selben Atemzug von der Vieldeutigkeit ineinandergreifender Wirkungsweisen eingeholt zu werden.
Beim nunmehrigen Versuch, uns in einer sich verändernden Welt zurechtzufinden, erkunden wir uns nicht nur selbst als formgebender Faktor eines komplexen Geschehens – auch unser individuelles Dasein basiert auf der Unübersichtlichkeit eines solch vielschichtigen Gebildes. Nicht nur die weitläufige Wirksamkeit unserer Handlungsweisen ist ein integraler Bestandteil globaler Prozesshaftigkeit – auch unsere Wahrnehmung, unser Verständnis, die Widersprüchlichkeit unserer Werthaltungen, sowie das Bestreben, unsere Betrachtungsweisen stetig zu aktualisieren sind hierfür entscheidend.
Wir folgen unseren Sinnen und entwickeln ein eigenes Gespür. Wir ergründen die Reichweite der eigenen Handhabe, erkennen die eigene Gestaltungsmacht – und entwickeln einen individuellen Sinn für Verantwortlichkeit. Wir schärfen unsere Wesenszüge – und lassen die eigenen Fäden mit jenen anderer ineinandergreifen. Wir führen Gespräche, gehen Kollaborationen ein, erhalten Einblick in andere Welten. Wir sehen mit neuen, sehen mit vielen Augen. Wir erkunden als Netzwerk – und entwickeln ein gemeinsames Sensorium.
Wir bewegen uns in Feldern, welche wir nicht überblicken, agieren gleichsam auf zwischenmenschlicher wie auf persönlicher, auf planetarer wie auf molekularer, auf konzeptueller wie auf stofflicher Ebene. Wir sind Teil von Gesellschaft, Teil von Natur, sind Teil unseres Gegenübers. Wir finden uns zur selben Zeit in unterschiedlichen Rollen wieder – als Lernende, als Lehrende, als Kolleginnen und Kollegen – als Begreifende, als Betroffene, als Gestaltende.
Wir erschließen Unbekanntes – wann immer wir neue Personen kennenlernen, neue Fachbereiche oder Materialitäten studieren – sobald wir uns möglichst unvoreingenommen auf Situationen einlassen, eröffnen sich neue Betrachtungsweisen – spezifische Linsen, durch welche wir neue Einblicke erhalten, durch welche wir vermeintlich altbekanntes neu zu erfassen vermögen. Jedes Handeln wird Methode, jeder Inhalt wird Infrastruktur, jede Erfahrung wird Teil des eigenen Instrumentariums.
Wir erleben das Aufkommen einer neuen Ära, erschließen neue Wege, entwickeln ein neues Verständnis und forcieren die Etablierung entsprechender Formate – um diese nicht zuletzt mit jenen vorgefundenen Institutionen, Regelwerken und überlieferten Verhaltensweisen wechselwirken zu lassen. Wir navigieren – als Individuum, als Kollektiv, als Ökosystem.
This text was originally published in "Geografien des Textilen - Lehren als künstlerische Praxis", de Gruyter 2025, Hrsg. Barbara Putz-Plecko